Montag, 26. Oktober 2015

Zufallsgespräche


"Was ist denn das für ein dickes Buch?"
"Der Wind in den Weiden... aber auf Englisch."
Ich drehe das Buch um und zeig ihm das Cover.
"Ach echt? Auf Englisch... schreibst du auch?"
"Manchmal. Aber eigentlich nicht wirklich."
"Sag das nicht. Du musst schreiben!!"
"Ich weiß nicht. Ich denke nicht, dass ich besonders gut bin."
"Ist doch egal. Lass dich nicht von solchen Meinungen über dich selbst bestimmen. Das sind Einflüsse von außen. Hier... na... Shakespeare. Kennst du? Mir hat mal eine Frau erzählt, dass sie glaubt, dass Shakespeare eigentlich eine Frau war. Ich denk da manchmal drüber nach. Was meinst du, was das bedeuten könnte. Das ist ja sehr oft vorgekommen. Einsteins Frau zum Beispiel. Einige Formeln hätte Albert ohne die garnicht hinbekommen. Ob Mann oder Frau ist ja egal, denn alle sind gleich schlau und können gleich viel schaffen. Also vielleicht nicht unbedingt gleich schlau, gibt ja auch dumme Menschen. ha. Aber weißt du, was ich mein? Es ist nicht Geschlecht bedingt. Es wird uns nur so beigebracht. Merk dir das."
Ich nicke bestimmt. Er sitzt da immer, außer am Wochenende. Da hat er wahrscheinlich frei. Aber er sitzt da immer, U1 Hallerstraße Station Ausgang Richtung NDR. Er sitzt da und spielt Gitarre mit seinem langen grauen Bart. Meißt rauer Country-Rock in röhrendem unverständlichen Englisch. Die, die dort so oft vorbei gehen, wie ich, kennen ihn bestimmt. Manchmal leg ich ihm ein paar Euros hin und wir grüßen uns immer, wenn wir uns sehen. Manchmal winken wir sogar von der anderen Straßenseite. Letzte Woche hab ich ihm eine Rose von meinem Geburtstagstrauß abgegeben.
"Der Mensch möchte immer viel mehr wissen und bemüht sich, ein besserer Mensch durch Wissen zu werden. Doch die Bedingungen in der Welt sind nicht gerade die Besten. Erfahrungen bereichern uns wirklich und prägen uns. Sie machen uns zu denen, die wir sind. Wir regulieren uns selbst, indem wir uns in diese Systeme einfügen. Doch eigentlich geht es um was anderes. Ich habe viel gelesen, auch die Bibel und Sachen aus dem Hinduismus, doch am Ende bin ich beim Buddhismus stehen geblieben. Ich meine das Konzept der Widergeburt und Sterben. Eigentlich versuchen wir doch nur, richtig zu leben, um am Ende weniger Angst vorm Sterben zu haben. Wir verennen uns in Ansichten, die angeblich das Leben besser machen. Vergessen und übersehen aber dann auch, was uns wirklich gut tut. Zum Beispiel gute Gespräche."
Er lächelt mich vielsagend an. Obwohl ich ja eigentlich nicht viel gesagt habe.
"Welches Sternzeichen bist du?"
"Jungfrau."
Er lacht nicht.
"Ah, die tragen viel... Aber du schaffst das schon, da bin ich mir sicher."
"Danke! Hab noch einen schönen Tag."
"Du auch, Liebes."
Langsam gehe ich die Treppe zur Station runter und er fängt wieder an zu spielen. Diesmal etwas langsamer und sanfter als sonst.

Ich bin wieder bei einer meiner liebsten Fragen: Was macht uns zu denen, die wir sind? Sind es wirklich die Erfahrungen, die wir gemacht haben? Oder ist alles schon in uns und wir müssen es nur heraus holen, die Schichten abtragen. Platons Ideenlehre. Vielleicht... nein, wahrscheinlich kann man die Schichten nur durch Erfahrungen abtragen. Man kann nur durch Erfahrungen die Person werden, die man ist.

Kommentare:

  1. Antworten
    1. <3 Das fand ich irgendwie auch. Ist mir lange im Gedächtnis noch geblieben. <3

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